Joe Biden und Wladimir Putin im Juni 2021 in Genf-Was die Körpersprache verrät

Biden trifft Putin im Juni 2021 in Genf: ein Neuanfang?

Wird es einen Neuanfang im zerrütteten politischen Verhältnis USA-Russland geben, lautete die Frage nach dem ersten Treffen des neuen US-Präsidenten Joe Biden mit Russlands Langzeit- Präsidenten Wladimir Putin.

Das faktische Ergebnis zeigt keine neuen Wege auf, eher werden alte, zerstörte Pfade der Diplomatie wiederhergestellt. Die Botschafter beider Länder kehren an ihren jeweiligen Einsatzort zurück, Arbeitskreise werden gebildet. Und man ist wieder im Gespräch, ein Termin für ein neuerliches Treffen wurde nicht vereinbart. Soweit eine politikwissenschaftliche Analyse. Aber: die Körpersprache beider Akteure bei diesem Treffen zeigt mehr, als ihre Worte verraten. Wieder einmal zeigt sich, dass Körpersprache ehrlicher ist als Worte, das macht eine körpersprachliche und interkulturelle Analyse deutlich.

Zur Begrüssung: Putins Krafthaltung und ein geglückter Handschlag

Drei Szenen sind dominant bei dem Treffen des US-Präsidenten Joe Biden und des Präsidenten Russlands Wladimir Putin. Die erste Szene: der Schweizer Bundespräsident, Guy Parmelin, steht zwischen beiden Staatschefs im Portal der Villa La Grange. Er spricht begrüßende Worte, spricht von einer historischen Chance des Treffens.

Putin hört aufmerksam zu und wählt  körpersprachlich eine Kraftstellung. Die Beine sind in Schulterbreite gespreizt und durchgedrückt, die Muskulatur ist angespannt, er lächelt nicht. Das ist die Geste des starken Mannes in Russland. Das Signal ist nach Russland, nach Hause, gerichtet. So soll in Russland, in einer sich maskulin definierenden Gesellschaft, in der Härte zählt und nur der Sieg, ein Mann auftreten.

Dann schütteln sich die beiden Staatschefs die Hand. Diese zweite Szene wird in den westlichen Medien in den Vordergrund gerückt. Hier geben sich beide Politiker die Hand auf einer Ebene, jede Hand wird aus der Hüfte dem anderen entgegengestreckt. Es kommt zu einem kurzen Blickkontakt und einem kurzen, verhaltenen Lächeln. Das ist in der westlichen Welt das Zeichen für Akzeptanz und dem Willen zum Gespräch.

Putin und Körpersprachen-Training

Körpersprache ist ehrlicher als Worte, sagen viele. Die Körpersprache eines Menschen drückt seine Gefühle aus. Gedanken werden in einem Teil des Gehirns in Emotionen umgewandelt und durch Körpersprache zum Ausdruck gebracht. Die Körpersprache ist dabei im Bereich der Mimik weltweit in den Grundmimiken gleich und somit verständlich, sagt Paul Ekman, der grosse Interpret der Körpersprache.

Die öffentlich zugänglichen Bilder dieses Treffens sind/können Ausdruck von Gefühlen sein. Wenn Profis der Kommunikation sich körpersprachlich ausdrücken, so sind das oft bewusste Botschaften. Putin ist kommunikativ äußerst durchtrainiert. Er nahm Unterricht bei einem der besten Trainer der Welt, dem australischen Psychiater Allen Pease. Er verhält sich körpersprachlich sehr bewusst. Er kann sich körpersprachlich kulturell anpassen und zum Beispiel den Wiener Walzer mit der österrischen Außenministerin auf deren Hochzeit tranzen und dabei in westlicher Körpersprache und Benehmen brillieren. Sie bedankte sich für die Nettigkeiten mit einem Knicks vor ihm. Heute arbeitet sie im Vorstand des russischen Unternehmens Gazprom. Putin kann aber auch den russischen Rocker geben, mit finsterer Miene und Lederjacke. Putin ist ein guter und intelligenter Schaupieler.

Putins provokante Macho-Sitzhaltung – eine Message für Russland

Die dritte Szene: das dritte historische Bild des Treffens kommt aus der Bibliothek der Villa in Genf. Hier sitzen die beiden Staatschef mit ihren Außenministern vor dem Kamin. Biden hat die Beine übereingeschlagen, sitzt aufrecht im Sessel. Putin flegelt sich in den Sessel hinein, hat sich weit zurückgelehnt und die Beine breit gespreizt. Das ist das Signal eines Mannes in Russland, der Souveränität zeigen will. So sitzen die sibirischen Werwölfe, eine russische Motorrad Gang, deren Ehrenvorsitzender Putin ist. So sitzt Putin auch, wenn er vom ihm abhängige Staatschefs des Ostens empfängt, zum Beispiel, den Präsidenten Weißrusslands, Alexander Lukaschenko.

Dieses Bild ist für die russische Öffentlichkeit bestimmt, es soll Putin als starken Mann zeigen. Die bekannten Bilder, Putin mit nacktem Oberkörper, Putin im Kampfjet, Putin taucht im Meer oder geht auf Tigerjagd in Sibirien, gehen in dieselbe Richtung. Es sind Männlichkeits-Rituale Russlands, über die der Westen schmunzelt.

Putin meidet in der Bibliothek den direkten Blickkontakt zu Biden, schaut diesen aus den Augenwinkeln an. Er fährt sich beim Sprechen mit der Hand durchs Gesicht. Putin gib sich russisch cool, so die interkulturelle Analyse.

Putin, der Gekränkte

Joe Biden nimmt diesen Auftritt der „Holzfäller Art “ in der Bibliothek gelassen hin. Er schaut Putin väterlich  (ab)mahnend von oben an und sucht vergeblich den Blick Putins. Was sich hier bei Putin zeigt, ist auch die Haltung des Gekränkten. Biden hat ihn im Vorfeld einen Killer genannt, einen Mann ohne Seele. Kränkung ist das Lebensthema Putins. Sein Weg hin zum Präsidenten führte über eine verpatzte KGB-Karriere, ein Karriere-Aus bei der Roten Armee, hin zu einem sich Hochdienen im neuen russischen System. Heute ist Putin der Inbegriff der Macht in Russland, hat eine breite Unterstützung. Er ist der Vertraute der russischen Kirche. Im Kreml nennen ihn seine Mitarbeiter „den Zaren“.

Und dann sagt Joe Biden, Putin sei ein seelenloser Mörder. Das hatte Biden schon als US-Vizepräsident gesagt. In Russland sind Journalisten schon für weniger Kritik an Putin ermordet worden. Eine Wallstreet Journalistin spricht Putin auf der sehenswerten Pressekonferenz auf ein Joe Biden Statement vom März 2021 an, wo der seine Vorwürfe erneuert hatte.

Putin beißt sich in den Folgeminuten auf die Lippen, seine Augen bewegen sich lebhaft. Die Bewegung der Augen im oberen Bereich sind heftig, Neurologen erklären, das zeige eine Hirntätigkeit im Bereich der Erinnerung auf. Seine Gesichtszüge geraten außer Kontrolle. Er wehrt die Vorwürfe mit den Händen ab, ist sichtbar getroffen. Er behauptet dabei aber, er könne sich an all das nicht richtig erinnern. Heute habe er Joe Biden als sehr ausgewogen und konstruktiv empfunden, als einen erfahrenen Politiker.

Putin will eine rationale Politik betreiben im Verhältnis zu den USA, das betont er auf der Pressekonferenz mehrfach. Es gehe darum, die nationalen Interessen seines Landes zu vertreten. Bei diesen Worten wählt Putin gerne die körpersprachliche Kraftstellung des festen Standes und der muskulären Anspannung.

Putin in der Rolle des Staatsmanns

Putin spielt auf der Pressekonferenz drei Rollen. Er will die Rückkehr in den Kreis der Mächtigen (G-7 Treffen), er will in der Rolle des Staatsmannes wieder ernst genommen werden, darum gibt er den Staatsmann. Er bewertet Biden und verteilt Noten. Er sagt, Biden sei ein erfahrener Politiker mit fundierten Kenntnissen. Mit anderen Politikern sei ein inhaltiches drei-Stunden-Gespräch nicht möglich gewesen. Gemeint ist damit wohl Ex-US-Präsident Donald Trump. Putin spricht von einem Ton des Respektes, den man gefunden habe. Man sei unemotional miteinander umgegangen. Man habe sich nicht in die Augen geschaut und von Liebe und ewiger Freundschaft gesprochen. Sie beide seien Staatsmänner, die Interessen ihre Nationen vertreten. Er spricht im ironischen Tonfall von einer Morgenröte des Glücks in Bezug auf eine neue Zusammenarbeit.

Wenn er den Staatsmann gibt, dann steht er fest auf den Beinen. Er legt seine Position dar und kombiniert sie mit der Willkommensgeste, eine oder beide Hände werden nach außen geöffnet, dem Publikum entgegengestreckt. Er spricht in einer westlichen Körpersprache, er zeigt mimisch einen für seine Verhältnisse starken Einsatz. Zweifel (das Gesicht verziehen) oder Freundlichkeit (Lächeln) werden deutlich gezeigt. Frauen gegenüber zeigt er sich sehr charmant. Immer wieder gibt er Jounalistinnen die Möglichkeit, Fragen zu stellen. In Russland zeigt Putin bei Interviews eine eher starre Mimik und eine monotone Stimmlage. Das gilt in Russland als machtvoll-männlich.

Putin als Präsident und Chef eines autoritären Regimes

Wenn russische Journalisten*innen Fragen an Putin stellen, begeben sie sich in eine gebückte Haltung, sie zeigen körpersprachlich ein devotes Verhalten. Sie senken den Kopf und senken den Blick. Dann gibt sich Putin auf der Pressekonferenz locker und lässig. Diese Fragen sind Steilvorlagen für seine Rhetorik.

Fragen ihn westliche Jounalisten, ist das anders. Putin versucht, westlichen Journalistinnen das Frager-Mikro zukommen zu lassen. In seinem Weltbild sind Frauen eher weniger aggressiv. Das Spiel gelingt nicht. Zwei US-Jounalistinnen bringen Putin aus der Fassung. Beide treten ihm selbstbewusst entgegen und konfrontativ. Sie sprechen ihn auf Gewalt an, die er sich gegenüber seinen politischen Gegnern erlaubt, auf Verletzungen der Menschrechte. Diese Auftitte ist Putin nicht gewohnt, in Russland lässt er diese, so möglich, nicht zu. Aufrechte Jounalisten zahlen für ihre Courage schon mal mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben.

Eine CNN Journalistin fragt Putin nach seinem Verständnis von fairem Umgang mit der Opposition. Er töte und vergifte Menschen, die ihm politisch in die Quere kämen. Putins Gesicht gefriert zur Maske. Er ignoriert die Frage komplett, sucht und findet die Fassung wieder in einem verbal gezielten Gegenschlag. Er nennt die Anklagen gegen Demonstranten, die das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 stürmten, einen politischen Prozess. Es herrscht kalter Krieg im Pressesaal. Die Journalistin konfrontiert Putin mit ihrer CNN-Weltsicht. Das ist legitim, wird von ihr erwartet und läßt die Stimmung im Saal gefrieren.

Putin gerät bei diesen Angriffen in Stress, Adrenalin flutet ihn, das ist körpersprachlich sichtbar. Er verliert die Kontrolle über die Situation und seine Mimiken, die sich in schneller Abfolge aneinander reihen. Er zwinkert nervös mit den Augen. Er beendet diese Situation mit einem Rückgriff auf alte Muster. Neurologen sprechen von einem Rückgriff auf erprobte Kommunikationsmuster der Kindheit, die im Stammhirn angesiedelt sind. Putin ist neurologisch“ im „Grosshirn-offline-modus“.

Putin erstarrt mimisch und drischt ideologische Phrasen. Er erinnert an den langjährigen sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko, den alle „Mister Njet“ oder „Grimm-Grom“nannten.

Putin als emontionaler (Familien)mensch

Ausführlich berichtet Putin in der Pressekonferenz von einem Teil des Gesprächs, von dem er sagt, dass es inhaltlich mit dem Treffen nichts zu tun habe. Biden habe ihm von seiner Mutter und seiner Familie erzählt. Hier bricht die Stimme Putins fast. Er habe Biden als einen Menschen mit Moral und nachvollziehbaren Werten kennengelernt.

Es gibt ein Interview mit dem jungen Präsidenten Putin, in dem er von seiner Familie erzählt, seinen Eltern. Er berichtet von seiner geliebten Mutter, die immer alles verstanden habe, die immer für ihn dagewesen sei. In diesem Film zeigt Putin Seele, er rührt an. „Seele “ ist ein wichtiger Teil des russischen Selbstbildes. Wenn Männer in Russland miteinander Wodka trinken, dann ist das eine „Einladung zu einer Friedenspfeife“, um sich enthemmt besser als „Seele“ darstellen zu können. Dabei muss man sich trotz großen Wodka Konsums anständig benehmen. Das ist die Regel im alten Russland. Putin trinkt seit langem keinen Alkohol mehr, ist aber ein „großer Kommunikator“, wenn er will.

Biden hat es in Genf geschafft, psychologisch einen zarten Neu-Anfang zu setzen. An die Stelle der Konfrontation ist das zielgerichtete und achtsame Gespräch getreten. Barack Obama sagte einmal über Joe Biden, damals seinen Vice-Präsidenten, „Das Gefühl der Empathie, dieses Gefühl des Anstandes, der Glaube, dass jede einzelne Person zählt, das ist, was Joe ausmacht.“

Neue Wege oder Theater?

Einen anderen Weg, einen „soft approach“ suchte auf der Pressekonferenz eine Journalistin aus Kanada. Ihre neun Jahre alte  Tochter habe ihr vor dem Abflug die Frage gestellt, was dieses Treffen denn bringen solle. Hier lobt Putin die Frage, ist entspannt und gibt sich konstruktiv mitdenkend.

Wieviel Theater dieses Treffen war, wieviel Wirkung davon ausgeht, wird sich zeigen. Wir sollten unsere Bewertung nicht daran festmachen, dass hier lediglich die beiden mitgereisten Botschafter ihren Dienst in den Hauptstädten ihres Gastlandes wieder antreten werden und uns über phrasenhafte Worte beklagen. Wenn es nur ein wenig zutrifft, dass der Wert einer Aussage zu 7 Prozent von den Worten, zu 38  Prozent vom Stimmklang und zu 55 Prozent von der Körpersprache abhängt, dann hat dieses Treffen viel gezeigt. Es ist das Hauptinteresse Putins, seine Macht zu erhalten und zu erweitern. Sein Ziel ist das „Neue Russland“ in den Grenzen der alten Sowjetunion. Dazu setzt er seine Intelligenz, seine Rhetorik und Körpersprache zielgerichtet ein.

Er sucht methodisch dazu die strategische Nähe zum Westens und ist ansprechbar mit Mitteln emotionaler Intelligenz. Ob das Ost- und Westverhältnis so zu einer neuen Dimension findet, ist sehr fraglich.