Die Körpersprache von Wladimir Putin und Frieden durch emotionale Intelligenz

7.3.2022

Waldimir Putin – ein Staatsschauspieler

Wladimir Putin sei ein Meister der Kommunikation, behauptet der australische Psychiater Allan Pease, einer der besten Kommunikations-Trainer der Welt. Allan Pease ist Bestseller-Autor und international bekannt, beispielsweise wegen seines Buches „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“.

Allan Pease traf Wladimir Putin erstmals im Jahre 1991. Damals führte er im Kreml ein Seminar für Nachwuchspolitiker durch, zu denen auch Putin gehörte. Putin war damals 39 Jahre alt und als ehemaliger KGB-Offizier verantwortlich für die Förderung der internationalen Beziehungen im Rathaus von St. Petersburg. Putin sei ein sehr kluger und fähiger Schüler gewesen, meint Pease. Zur Aura Putins sagt er: “Als er den Raum betrat, verstummten alle. Alle Anwesenden wussten, dass er für den KGB arbeitete. Auch ich verstand es. Spione haben eine besondere Ausbildung und Talent.“

Putin verhält sich körpersprachlich sehr bewusst. Er kann sich kulturell anpassen und zum Beispiel den Wiener Walzer mit der österreichischen Außenministerin auf deren Hochzeit tanzen und dabei in westlicher Körpersprache und Benehmen brillieren. Sie bedankte sich für die Nettigkeiten mit einem Knicks vor ihm. Heute arbeitet sie im Vorstand des russischen Unternehmens Gazprom. Putin kann aber auch den russischen Rocker geben, mit finsterer Miene und Lederjacke. Putin ist  Ehrenvorsitzender des russischen Motorrad-Clubs „Nachtwölfe“. „Kaltblütig“, nennt ihn der Fotograf Palton, der Putin aus eigener Erfahrung kennt. Er habe ein „kühles Charisma“, sagt der Körpersprachler Benedikt Held 2018 über Putin.

Putin ist ein intelligenter und skrupelloser Player, der auch mit den Mitteln der emotionalen Intelligenz arbeitet und spielt. Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle (korrekt) wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen. Das bewies er im Juni 2021 in Genf (Schweiz) und im Jahre 2022 bei vielen Fernsehauftritten, die er selbst inszenierte. Ebenso bei Treffen mit Staats-und Regierungschefs, die er kaltblütig belog und vorführte, als sie nach Moskau“pilgerten“, um mit ihm um den Frieden in der Ukraine zu ringen.

Genf in Juni 2021: Zwei Staatschefs und zwei Kulturen

Im Juni 2021 trafen sich der US-Präsident Joe Biden und Wladimir Putin zu Gesprächen in Genf. Wieder einmal zeigt sich, dass Körpersprache ehrlicher ist als Worte, das macht eine körpersprachliche und interkulturelle Analyse deutlich.

Drei Szenen sind dominant bei dem Treffen des US-Präsidenten Joe Biden und des Präsidenten Russlands Wladimir Putin. Die erste Szene: der Schweizer Bundespräsident, Guy Parmelin, steht zwischen beiden Staatschefs im Portal der Villa La Grange. Er spricht begrüßende Worte, spricht von einer historischen Chance des Treffens. Putin hört aufmerksam zu und wählt körpersprachlich eine Kraftstellung. Die Beine sind in Schulterbreite gespreizt und durchgedrückt, die Muskulatur ist angespannt, er lächelt nicht. Wer Macht hat, lächelt nicht, heißt es in Russland. Das Signal ist nach Russland, nach Hause, gerichtet. So soll dort, in einer sich maskulin definierenden Gesellschaft, in der Härte zählt und nur der Sieg, ein Mann auftreten.

Dieses Mimik sehen wir im Jahre 2022 oft. Die Mimik Putins ist starr, ein Lächeln gibt es nicht, wir empfinden dieses Auftreten als bedrohlich. In Russland gilt dieses Verhalten als „staatsmännisch“.

Dann schütteln sich die beiden Staatschefs die Hand. Diese zweite Szene wird in den westlichen Medien in den Vordergrund gerückt. Hier geben sich beide Politiker die Hand auf einer Ebene, jede Hand wird aus der Hüfte dem anderen entgegengestreckt. Es kommt zu einem kurzen Blickkontakt und einem kurzen, verhaltenen Lächeln. Das ist in der westlichen Welt das Zeichen für Akzeptanz und dem Willen zum Gespräch.

Die dritte Szene: Das dritte historische Bild des Treffens kommt aus der Bibliothek der Villa in Genf. Hier sitzen die beiden Staatschefs mit ihren Außenministern vor dem Kamin. Biden hat die Beine übereinander geschlagen, sitzt aufrecht im Sessel. Putin flegelt sich in den Sessel hinein, hat sich weit zurückgelehnt und die Beine sind breit gespreizt. Das ist das Signal eines Mannes in Russland, der Souveränität zeigen will. So sitzen auch die „Werwölfe“, eine russische Motorrad Gang, deren Ehrenvorsitzender Putin ist. So sitzt Putin auch, wenn er von ihm abhängige Staatschefs des Ostens empfängt, zum Beispiel den Präsidenten Weißrusslands, Alexander Lukaschenko.

Dieses Bild ist ebenfalls für die russische Öffentlichkeit bestimmt, es soll Putin als starken Mann zeigen. Die bekannten Bilder, Putin mit nacktem Oberkörper, Putin im Kampfjet, Putin taucht im Meer oder geht auf Tigerjagd in Sibirien, gehen in dieselbe Richtung. Es sind Männlichkeits-Rituale Russlands, über die der Westen schmunzelt.

Putin meidet in der Bibliothek den direkten Blickkontakt zu Biden, schaut diesen aus den Augenwinkeln an. Er fährt sich beim Sprechen mit der Hand durchs Gesicht. Putin gib sich russisch cool, so die interkulturelle Analyse.

Putin, der Gekränkte

Joe Biden nimmt diesen Auftritt der „Holzfäller Art “ in der Bibliothek gelassen hin. Er schaut Putin väterlich (ab)mahnend von oben herab an und sucht vergeblich den Blick Putins. Was sich hier bei Putin zeigt, ist auch die Haltung des Gekränkten. Biden hat ihn im Vorfeld einen Killer genannt, einen Mann ohne Seele.

Kränkung ist das Lebensthema Putins. Er gelang ihm, die Kränkung des schwächlichen, kleinen Jungen/Jugendlichen aus einem gefühlskalten Elternhaus durch Frechheit und Gewaltbereitschaft zu kompensieren. Putin hat gelernt, durch Leistung die Anerkennung zu erlangen, die ihm emotional verwehrt blieb. Putin verhält sich dabei sozial sehr intelligent (emotionale Intelligenz). Er studiert Rechtswissenschaften, weil ihm ein KGB-Mitarbeiter dazu rät, ebenso lernt er auf dessen Rat hin Deutsch. Er heiratet eine Deutschlehrerin. Seine Chance ist eine Aufsteiger-Karriere in der Armee, im Geheimdienst. Sein Versuch, sich selbst neu zu gestalten, gelingt. Er schafft es in der Roten Armee bis zum Oberstleutnant. Er sei unauffällig gewesen, berichten Zeitgenossen und stets bemüht, die Erwartungen seiner Vorgesetzten zu erfüllen. Heute ist Putin der Inbegriff der Macht in Russland, hat eine breite Unterstützung. Er ist der Vertraute der russischen Kirche. Im Kreml nennen ihn seine Mitarbeiter „den Zaren“.

Und dann sagt Joe Biden, Putin sei ein seelenloser Mörder. Das hatte Biden schon als US-Vizepräsident gesagt. In Russland sind Journalisten schon für weniger Kritik an Putin ermordet worden. Eine Wallstreet Journalistin spricht Putin auf der sehenswerten Pressekonferenz auf ein Joe Biden Statement vom März 2021 an, wo der seine Vorwürfe erneuert hatte.

Putin beißt sich in den Folgeminuten auf die Lippen, seine Augen bewegen sich lebhaft. Die Bewegungen der Augen im oberen Bereich sind heftig, Neurologen erklären, das zeige eine Hirntätigkeit im Bereich der Erinnerung auf. Seine Gesichtszüge geraten außer Kontrolle. Er wehrt die Vorwürfe mit den Händen ab, ist sichtbar getroffen. Er behauptet dabei aber, er könne sich an all das nicht richtig erinnern. Heute habe er Joe Biden als sehr ausgewogen und konstruktiv empfunden, als einen erfahrenen Politiker.

Putin will eine rationale Politik betreiben im Verhältnis zu den USA, das betont er auf der Pressekonferenz mehrfach. Es gehe darum, die nationalen Interessen seines Landes zu vertreten. Bei diesen Worten wählt Putin gerne die körpersprachliche Kraftstellung des festen Standes und der muskulären Anspannung.

Putin auf der Pressekonferenz in drei Rollen – 1.Rolle: Putin in der Rolle des Staatsmannes.

Putin spielt auf der Pressekonferenz drei Rollen. 1. Rolle: er will die Rückkehr in den Kreis der Mächtigen (G-7 Treffen), er will in der Rolle des Staatsmannes wieder ernst genommen werden, darum gibt er den Staatsmann. Er bewertet Biden und verteilt Noten. Er sagt, Biden sei ein erfahrener Politiker mit fundierten Kenntnissen. Mit anderen Politikern sei ein inhaltliches drei-Stunden-Gespräch nicht möglich gewesen. Gemeint ist damit wohl Ex-US-Präsident Donald Trump. Putin spricht von einem Ton des Respektes, den man gefunden habe. Man sei unemotional miteinander umgegangen. Man habe sich nicht in die Augen geschaut und von Liebe und ewiger Freundschaft gesprochen. Sie beide seien Staatsmänner, welche die Interessen ihrer Nationen vertreten. Er spricht im ironischen Tonfall von einer Morgenröte des Glücks in Bezug auf eine neue Zusammenarbeit.

Wenn er den Staatsmann gibt, dann steht er fest auf den Beinen. Er legt seine Position dar und kombiniert sie mit der Willkommensgeste, eine oder beide Hände werden nach außen geöffnet, dem Publikum entgegengestreckt. Er spricht in einer westlichen Körpersprache, er zeigt mimisch einen für seine Verhältnisse starken Einsatz. Zweifel (das Gesicht verziehen) oder Freundlichkeit (Lächeln) werden deutlich gezeigt. Frauen gegenüber zeigt er sich sehr charmant. Immer wieder gibt er Journalistinnen die Möglichkeit, Fragen zu stellen. In Russland zeigt Putin bei Interviews eine eher starre Mimik und eine monotone Stimmlage. Das gilt in Russland als machtvoll-männlich.

2. Rolle: Putin als Präsident und Chef eines autoritären Regimes

Wenn russische Journalisten/innen Fragen an Putin stellen, begeben sie sich in eine gebückte Haltung, sie zeigen körpersprachlich ein devotes Verhalten. Sie senken den Kopf und senken den Blick. Dann gibt sich Putin auf der Pressekonferenz locker und lässig. Diese Fragen sind Steilvorlagen für seine Rhetorik.

Fragen ihn westliche Journalisten/innen ist das anders. Putin versucht, westlichen Journalistinnen das Frager-Mikro zukommen zu lassen. In seinem Weltbild sind Frauen eher weniger aggressiv. Das Spiel gelingt nicht. Zwei US-Journalistinnen bringen Putin aus der Fassung. Beide treten ihm selbstbewusst entgegen und konfrontativ. Sie sprechen ihn auf Gewalt an, die er sich gegenüber seinen politischen Gegnern erlaubt, auf Verletzungen der Menschrechte. Diese Auftritte ist Putin nicht gewohnt, in Russland lässt er diese, so möglich, nicht zu. Aufrechte Journalisten/innen zahlen für ihre Courage schon mal mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben.

Eine CNN Journalistin fragt Putin nach seinem Verständnis von fairem Umgang mit der Opposition. Er töte und vergifte Menschen, die ihm politisch in die Quere kämen. Putins Gesicht gefriert zur Maske. Er ignoriert die Frage komplett, sucht und findet die Fassung wieder in einem verbal gezielten Gegenschlag. Er nennt die Anklagen gegen Demonstranten, die das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 stürmten, einen politischen Prozess. Es herrscht kalter Krieg im Pressesaal. Die Journalistin konfrontiert Putin mit ihrer CNN-Weltsicht. Das ist legitim, wird von ihr erwartet und lässt die Stimmung im Saal gefrieren.

Putin gerät bei diesen Angriffen in Stress, Adrenalin flutet ihn, das ist körpersprachlich sichtbar. Er verliert die Kontrolle über die Situation und seine Mimik. Er zwinkert nervös mit den Augen. Er beendet diese Situation mit einem Rückgriff auf alte Muster. Neurologen sprechen von einem Rückgriff auf erprobte Kommunikationsmuster, die im Stammhirn angesiedelt sind. Putin ist neurologisch im „Grosshirn-offline-modus“.

Putin erstarrt mimisch und drischt ideologische Phrasen. Er erinnert an den langjährigen sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko, den alle „Mister Njet“ oder „Grimm-Grom“ nannten.

3. Rolle: Putin als emotionaler (Familien)mensch

Ausführlich berichtet Putin in der Pressekonferenz von einem Teil des Gesprächs, von dem er sagt, dass es inhaltlich mit dem Treffen nichts zu tun habe. Biden habe ihm von seiner Mutter und seiner Familie erzählt. Hier bricht die Stimme Putins fast. Er habe Biden als einen Menschen mit Moral und nachvollziehbaren Werten kennengelernt.

Es gibt ein Interview mit dem jungen Präsidenten Putin, in dem er von seiner Familie erzählt, seinen Eltern. Er berichtet von seiner geliebten Mutter, die immer alles verstanden habe, die immer für ihn dagewesen sei. In diesem Film zeigt Putin“ Seele“, er rührt an. „Seele“ ist ein wichtiger Teil des russischen Selbstbildes. Wenn Männer in Russland miteinander Wodka trinken, dann ist das eine „Einladung zu einer Friedenspfeife“, um sich enthemmt besser als „Seele“ darstellen zu können. Dabei muss man sich trotz großen Wodka Konsums anständig benehmen. Das ist die Regel im alten Russland. Putin trinkt seit langem keinen Alkohol mehr, ist aber ein „großer Kommunikator“, wenn er will.

Ist Putin ansprechbar mit den Mitteln emotionaler Intelligenz? Brauchen wir Joe Biden als Vermittler?

Joe Biden hat es in Genf geschafft, psychologisch einen zarten Neu-Anfang zu setzen. An die Stelle der Konfrontation ist im Gespräch mit Putin zeitweise das zielgerichtete und achtsame Gespräch getreten. Barack Obama sagte einmal über Joe Biden, damals seinen Vizepräsidenten: „Das Gefühl der Empathie, dieses Gefühl des Anstandes, der Glaube, dass jede einzelne Person zählt, das ist, was Joe ausmacht.“

Die Rede ist von emotionaler Intelligenz. Der emotionale Intelligenz-Begriff nach Daniel Goleman erweiterte das bisherige Intelligenz-Konzept um die Fähigkeit des Menschen, sich in Situationen und in andere Menschen einfühlen zu können. Er beschreibt die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle (korrekt) wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen.

Den Weg der emotionalen Intelligenz, einen „soft approach“, suchte auf der Pressekonferenz eine Journalistin aus Kanada. Ihre neun Jahre alte Tochter habe ihr vor dem Abflug die Frage gestellt, was dieses Treffen denn bringen solle. Hier lobt Putin die Frage, ist entspannt und gibt sich konstruktiv mitdenkend.

Die große Frage für die Lösung des Konfliktes im Jahres 2022 (Krieg Russlands gegen die Ukraine) lautet, ist Putin ansprechbar mit den Mitteln emotionaler Intelligenz?

Was wir dringend brauchen im Dialog mit Russland ist eine psychologische Exit-Strategie für Wladimir Putin. Das erfordert die Erstellung eines interkulturellen Profils von Wladimir Putin (wie tickt er) und eine angepasste Verhandlungsstrategie. Ohne Frage muss das Morden in der Ukraine sofort gestoppt werden, muss Russland seine Aggressionen sofort beenden. Die Frage ist nur, wie wir das kommunikativ erreichen. Joe Biden und seine Fähigkeiten könnten hier gefragt sein.