Wie tickt Putin? Was treibt ihn? Wie gefährlich ist er?

Seit Monaten versetzt die Krise in der Ostukraine die westliche Welt in Aufruhr. Die Regierungen werfen Putin vor, keine Versuche zu unternehmen, die Lage zu entschärfen, sondern den Konflikt im Gegenteil immer weiter eskalieren lässt. Sein Verhalten gegenüber der ukrainischen Regierung auf der einen und den prorussischen Separatisten auf der anderen Seite, ist unberechenbar und lässt viele Fragen offen.

Dass sein Vorgehen nicht einschätzbar ist, hat sich erst gestern gezeigt, als Putin völlig unerwartet eine militärische Invasion in der Ostukraine startete.

Der Politikwissenschaftler und Psychotherapeut Dr. Hermann Hagemann erklärt in einem ‚politischen Psychogramm‘, wie der russische Staatschef tickt und wie gefährlich er tatsächlich ist.

Wie tickt Putin? 

Wie tickt Putin, lautet die oft ängstliche Frage vieler, warum das alles und wie weit ist er bereit zu gehen. Als Putin die Krim im März 2014 annektierte, war der Westen überrascht. Es fehlte an Verarbeitungsmustern. Die „kalten Krieger“ wurden ausgegraben und erklärten uns die Welt im Sandkastenmuster (global politics).

Demnach hat Putin sich ein „Stück Land unter den Nagel gerissen“. Das sollte er wieder rausrücken. Man ließ es ihm aber und dachte, dann gibt er Ruhe. Doch Putin geht weiter. Die Ost-Ukraine ist neues Eroberungsgebiet, Estland und Litauen bitten um Verstärkung durch NATO-Truppen. Die Frage steht im Raum, warum macht Putin das alles. Der Ost-West-Konflikt war ein Streit politischer Systeme. Doch Russland ist nicht kommunistisch.

Die traditionellen West-Ost-Analytiker und ihre Strategien (NATO) versagen, weil das Objekt der Analyse, das heutige Russland mit der UdSSR nicht vergleichbar ist. Die Frage aber ist unausweichlich, was motiviert Russland, was motiviert den Präsidenten Russlands zu seinem Tun. Erlaubt ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie tickt Putin, psychologisch interpretiert. Politik wird von (auch) von Menschen gemacht.

Die Ausganglage: Putin droht
Putin droht dem Westen ganz offen mit wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen und damit haben wir gerechnet. Putin droht aber auch militärisch und mehr noch, er ist mitverantwortlich für den Absturz eines Flugzeuges. Nun führt er Manöver an der Grenze zur Ukraine durch, lässt von russischem Gebiet auf die Ukraine schießen, russische Truppen überschreiten die Grenze. Damit haben viele nicht gerechnet und die Frage stellt sich, wie gefährlich ist Putin, wie weit ist er bereit zu gehen.

Ob und wie gefährlich Menschen sind, ist eine alte Frage der Psychologie. Die Angriffe auf die Twin-Towers in New York im Jahre 2001, aber auch viele Angriffe auf Mitarbeiter in deutschen Behörden (Jobcenter Neuss 2012 z.B.) haben diese Frage wieder in den Mittelpunkt gerückt.)

Die Kennzeichen gefährlicher Menschen
Drei Dinge haben die Terroristen, die im September 2002 Flugzeuge in den USA kaperten und zum Absturz brachten, die Neofaschisten der NSU, die in Deutschland in der Zeit von 2000 bis 2006 zehn Menschen ermordeten und die Bader Meinhof-Bande/Gruppe gemeinsam.

Alle fühlen/fühlten sich sehr stark gekränkt, sie empfinden eine starke Antipathie gegenüber ihren „Gegnern“ und sie leben in einem Umfeld, wo Gewalt erlaubt ist (Permissivität von Gewalt).

Treffen diese drei Faktoren aufeinander, ist eine Gefahr vorhanden. Die Frage stellt sich dann, ist die Gefahr zu erkennen und wie sollen Gesellschaften/Menschen reagieren. Der Autor hat im Auftrag vieler Institutionen die Lage von Mitarbeiterinnen untersucht, Gefahrenlagen analysiert und nach passenden Antworten gesucht.

Die Kränkung: Putins fühlt sich nicht verstanden
Bei einer Kränkung kollidieren Wunsch/Selbstbild und Fremdbild miteinander. Der abgelehnte Verehrer sieht sich in seiner Liebe nicht gesehen, er muss mit einem „Korb“ umgehen. Al Kaida sah sich durch die Präsenz US-amerikanischer Truppen auf arabischem Boden, den westlichen Lebensstil, etc. gekränkt.

Rechtsradikale fühlen sich durch die Existenz vieler Migranten in „ihrem Land“ bedroht und in der Folge zur Gewalt berechtigt.

Auch Putin spürt eine politische und persönliche Kränkung. Als Politiker fühlt sich Putin gleich mehrfach gekränkt: (1) durch die Selbstauflösung der UdSSR, (2) durch die Ausweitung der Europäischen Union und der NATO bis an die Grenzen Russlands. Diese Kränkung hat er publizistisch zu einer Staatskränkung erhoben.

Auch das persönliche Wunsch- und Selbstbild Putins wurde gekränkt.

Putin will als Sportsmann dastehen, der im Sommer 2018 die Fußballweltmeisterschaften (WM 2018) ausrichtet, so wie er die olympischen Winterspiele 2012 ausgerichtet hat. Viele in der westlichen Welt, nennen ihn aber innenpolitisch einen Diktator, einen Gewalttäter, außerpolitisch einen Aggressor, den Verletzter außenpolitischer Grundprinzipen (Souveränität der Ukraine -Fall Krim), der bestraft, aber nicht mit der WM 2018 belohnt werden sollte.

Putin möchte die Welt und den Westen glauben machen, dass er seine russischen Landsleute in der Ukraine gegen Faschisten in der Ukrainer schützen muss. Er will ein neues Russland mit neuen weiteren Grenzen. Die Welt aber macht ihn verantwortlich für den Mord an Passagieren und die nicht enden wollende Gewalt in Teilen der Ukraine. Seine Expansionsträume machen Angst.

Putin dagegen sieht sich als „europäischer Politiker, der auf sein Ansehen im Ausland bedacht ist“. (Wladimir Kaminer 2014). Die europäische Welt, allen voran die niederländische Presse titelt nach dem Abschuss einer Passagiermaschine mit vielen niederländischen Bürgern an Bord im Juli 2014: „Putin mordet unsere Kinder“.

Putin ist gekränkt und er zeigt es. Empörung und Wut sind ihm anzusehen, wenn er mit Gegenmaßnahmen droht.

Putins Leben – eine Serie von Kränkungen: die psychologische Erklärung
Putins Leben ist eine Serie von Kränkungen. Er versucht, die Kränkung des schwächlichen, kleinwüchsigen Jungen/ Jugendlichen aus einem kalten, gewalttätigen Elternhaus durch Frechheit und Gewaltbereitschaft zu kompensieren. Seine Kindheitserfahrung ist geprägt durch die Botschaft Dritter: du bist nicht ok. Die Biographen sind uneinig, wurde Putin gar als Kind aus seiner Familie herausgerissen, war nur der Vater emotionsarm?

Auch das soziale Umfeld war hart und ablehnend. Die Jugendorganisation der kommunistischen Partei zögert lange mit seiner Aufnahme. Der kleine Wladimir ist zu problematisch, sei ein Rowdy gewesen, sagt Putin selbst.

Putin entwickelt das „gefrorene Herz“ (frozen heard syndrom). Er lässt Menschen nicht mehr wirklich an sich heran. Er beherrscht Menschen (Bandenchef, Boxer und Judokämpfer).
„Kaltblütig“, nennt ihn der Photograph Palton, der Putin aus eigener Erfahrung kennt.
Putin hat gelernt durch Leistung die Anerkennung zu erlangen, die ihm emotional verwehrt blieb. Putin verhält sich dabei sozial sehr intelligent.

In früher Jugend erfindet Putin sich neu. Mit 15 Jahren bereits will er zum KGB. Er studiert Rechtswissenschaft, weil ihm ein KGB-Mitarbeiter dazu rät, ebenso lernt er aus dessen Rat hin Deutsch. Er heiratet eine Deutschlehrerin. Seine Chance ist eine Aufsteigerkarriere in der Armee, im Geheimdienst. Sein Versuch, sich neu selbst zu gestalten, gelingt.

Er schafft es in der Roten Armee bis zum Oberstleutnant. Menschliche Nähe aber lässt er nicht zu. Seinen Charme setzt er geschickt ein, aber immer für die Sache, die geforderte Leistung. Nähe als Selbstwert, Fehlanzeige. Er kompensiert menschliche Annahme durch übersteigerte Leistung. Die erbringt er kulturspezifisch und sozial äußerst intelligent und hingebungsvoll als KBG- Offizier z.B. in der DDR. Noch in den Tagen des Untergangs der DDR versucht er einen Spionagering zu aufzubauen, der im späteren Gesamtdeutschland tätig werden soll.

Dann die nächste Kränkung. Die neue Identität wird zerstört. Die Auflösung der UdSSR, der Rückzug der Roten Armee aus Deutschland erlebt Putin hautnah, nimmt sie als persönliche Niederlage wahr. Nach seiner Zeit als Oberstleutnant in der Roten Armee, folgt eine Zeit der Arbeitslosigkeit, er sieht sich in Angstvorstellungen bereits als Taxifahrer in Petersburg. Sein Ausweg: Leistung und Anpassung.

Und wiederum gelingt Putin der Aufstieg. Er erfindet sich neu als Demokrat, wird Assistent des Bürgermeisters von Leningrad. Die Jelzin-Clique macht ihn in einem Deal (Karriere gegen Straffreiheit) zu ihrem Mann. Er schafft es bis an die Spitze des russischen Staates. Drei Mal wird er zum russischen Präsidenten gewählt.

Es folgt eine erneute Kränkung. Der Westen nennt ihn nur noch im Spott einen „lupenreinen Demokraten“. Die von ihm herbeigeführten Urteile gegen Oppositionelle (Pussy Riot), die Jahre lange Inhaftierungen des Oligarchen Michail Chodorkowski, die vermutete Ermordung des Oligarchen Boris Beresowski im Jahre 2013 in London, lassen ihn als geradezu „teuflische Gestalt“ mit hoher krimineller Energie dastehen. Eine schallende Ohrfeige für das Selbst- und Wunschbild Putins.

Putin reagiert auf diese Kränkungen mit einer verstärkten Kränkbarkeit und einer Somatisierung. Die Krankenakte Putins ist so geheim wie umfangreich. Aus internen Kreml-Kreisen ist von starken körperlichen Beschwerden zu hören. Putin Doubles seien im Einsatz, um ihn nach außen hin vital erscheinen zu lassen. Und tatsächlich sind seine echten Auftritte von starken Muskelanspannungen gekennzeichnet, Ischias Leiden und Schulterschmerzen sind unübersehbar.

Kränkungen haben Konsequenzen. Kränkung bedeutet für die betroffene Person Stress. Betroffene reagieren darauf entweder mit Schlafstörungen, Depressionen, erhöhtem Alkoholkonsum oder Wut, Zorn, Aggression.

Putin macht die aggressiv zur Schau gestellte Männlichkeit, die Kompromisslosigkeit, die Härte zu seinem Markenzeichen. Sein Slogan: Freunde sollen ihn lieben, Feinde fürchten.
Er verbringt viel Zeit mit „echten“ Freunden, die aber immer „nützlich“ sind. Die Familie hat er aufgeben, die besten Freunde sind seine Hunde. Er hat sich zurückgezogen in eine bewachte Welt außerhalb Moskaus, verachtet Menschen, sein Umfeld nennt ihn den Boss, seine Mitarbeiter nennen ihn den Zaren.

Die Überkompensation ist perfekt. Jetzt bestimmt Putin, wer ok ist. Die Kränkung mit der Botschaft: „Du bist nicht ok“, sitzt aber tief. Er lebt nunmehr allein. Er dominiert den Apparat mit den Mitteln der Macht, des Geheimdienstes. Die Menschen, ihre Gedanken beherrscht er mit einer gelenkten Presse, mit Einschüchterung und Mord (31 Journalisten wurden in der Zeit seiner Herrschaft ab dem Jahre 2000 ermordet) Das bekannteste Opfer ist Anna Politkowskaja. Sie wurde am 7. Oktober 2006, am Geburtstag Putins, vor ihrer Wohnung in Moskau durch mehrere Schüsse getötet.

Putin und die Antipathie gegenüber dem Westen
All das macht Putin zu einer tragischen Figur, gefährlich aber wird er, weil er auch die weiteren Bedingungen des „gefährlichen Menschen“ erfüllt.

Eine Kränkung, zum Beispiel die Zurückweisung in der Liebe, kann jemanden verärgern, ihn wütend oder zornig machen. Aus Mitfühlen (Sympathie) wird Antipathie, die emotionale Ablehnung. Die Kurzformel: Frustration (vergebliches Handeln) wird zur Aggression.

Putin hat stark um die Liebe des Westens geworben. Was ihm in Russland gelang, Jelzin und die Eliten zu umwerben und für sich zu gewinnen, zu gefallen, schlägt hier fehl. Sein jahrelanges Werben um Akzeptanz, seine Auftritte auf internationalen Foren (Deutscher Bundestag, Wirtschafts- und Militärforen in der Schweiz, etc.) haben ihm nicht die gewünschte Anerkennung als Staatsmann und den gewünschten Respekt gebracht, seine Leistung ist vergeblich. In den Jahren seiner Macht verliert Russland Verbündete, die NATO rückt näher heran. Der westliche Lebensstil dominiert im ehemaligen Sowjetreich. Putin sieht Russland als Verlierer an im globalen Kampf um Einflussgebiete (global politics). Seine Frustration darüber schlägt um in Aggression.

Und Putin lehnt den Westen intellektuell ab, weil der Westen vollkommen andere Ideale und Weltbilder hat (starke kognitive Dissonanz). Liberalismus und Meinungsfreiheit, Toleranz gegenüber anderen Formen des Lebens und der Sexualität, gelten ihm als Schwäche.

Putin macht keinen Hehl aus dieser Antipathie. Mit aller Härte geht er gegen Vertreter dieser Lebens- und Denkart vor (Pussy Riot, freie Internetforen z.B.)

Permissivität von Gewalt: Warum Putin Gewalt für gerechtfertigt hält. 
Doch auch das macht ihn für uns noch nicht gefährlich. Erst wenn für jemanden die Gewalt zu einem für ihn legitimen Mittel der Kommunikation wird, er sich diese erlaubt (Permissivität), dann wird es gefährlich. Die Frage ist, in welchem Umfeld ein Mensch leben muss, damit er sich legitimiert fühlt, zur Durchsetzung seiner Interessen einem anderen gegenüber Gewalt anzuwenden. Es gibt soziale Umfelder, welche eine Permissivität von Gewalt stark begünstigen.

Die politische Macht kommt aus dem Lauf eines Gewehres, formuliert Mao in der Nachkriegswelt und wurde damit vom „Spinner“ und „Träumer“ zur politischen Realität. Mao erlebte den Bürgerkrieg in China und führte das Land mit eiserner Hand zur Weltmacht, durch Gewalt. Gewalt für die richtige Sache, gilt im Kommunismus als legitim.

Auch in vielen sozialen Brennpunkten in Deutschland, in Rockerklubs, gehört die Fähigkeit und Bereitschaft Gewalt anzuwenden, zu den geforderten „Schlüsselkompetenzen“. Nur die Harten kommen in den Garten“, lautet der Lieblingsspruch von Gerhard Schröder.

Zurück zu Putin. Er ist groß geworden in der sowjetischen Gesellschaft. Der KGB hatte die „Lizenz zum Töten“. Putin war jahrelang KGB Offizier. Ihm werden Morde zugerechnet, Gewalt gehört zu seinem Alltag.

Gewalt ist in auch in der heutigen russischen Gesellschaft, ihren Institutionen (Arme, Miliz, Strafvollzug) Alltagserfahrung. Gewalt auszuhalten und weiterzugeben gehört zum „Männlichkeitsideal“.

Ehre gilt in Russland als hoher Wert und rechtfertigt Gewalt. Nationale Ehre bedeutet in Russland, Russland zu verteidigen, Russen zu helfen (auf der Krim, in der Ostukraine, etc.)
Letze Umfragen in Russland sprechen von einer Zustimmung von über 80 Prozent zur Aggressionspolitik Putins gegenüber der Ukraine. Die russische Schriftstellerin Ludmila Ulitzkaja nennt Putin im August 2014 einen machtbesessenen Wahnsinnigen.

Fazit: Gewalt war für Putin als Kind eine Grunderfahrung, Er war schon als Jugendlicher Chef einer Gang. Als Jugendlicher und Erwachsener hat er gelernt, Gewalt gezielt einzuüben (Putin hat einen hohen Judo-Grad, ist vielfacher Kampfsportler). Beim KGB hat er gelernt, Gewalt psychologisch noch geschickter einzusetzen. Eine hohe Permissivität von Gewalt ist bei Putin gegeben. Putin lebt in einer Kultur von Gewalt.

Die Konsequenz: Putin erfüllt die drei Bedingungen eines gefährlichen Menschen: Er ist gekränkt, empfindet eine große Antipathie gegenüber seinen Gegnern und Gewaltanwendung erscheint ihm legitim Putin ist gefährlich.