Wie gefährlich ist Putin?

Artikel: veröffentlicht 2014 in der Huffington Post, 2022 aktualisiert

Der Politikwissenschaftler und Psychotherapeut Dr. Hermann Hagemann erklärt in einem „politischen Psychogramm“, wie der russische Präsident tickt und wie gefährlich er ist.

Er verfolgt seit langem eine Politik der Unmoral und des Nicht-Respektes der Menschenrechte. Er hat keine Skrupel.Fazit: Putin erfüllt die drei Bedingungen eines gefährlichen Menschen: Er ist gekränkt, er empfindet eine große Antipathie gegenüber seinen Gegnern und Gewaltanwendung erscheint ihm legitim. Putin ist gefährlich.

Ein friedliches Konfliktmanagement mit ihm wird schwierig werden. Eine Analyse seiner Körpersprache zeigt ihn als berechnenden Despoten. Er verfolgt seit langem eine Politik der Unmoral und des Nicht-Respektes der Menschenrechte. Er hat keine Skrupel.

Die Erläuterungen im Detail:

Wie gefährlich ist Waldimir Putin, der russische Präsident“, lautet die ängstliche Frage vieler. Er hat Russland am 24.02.2022 in einen Krieg gegen die Ukraine geführt, was kommt als Nächstes? Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja nennt Putin im August 2014  bereits einen machtbesessenen Wahnsinnigen. Nach der Eskalation im Ukraine-Konflikt nennt der niederländische Premier Mark Rutte den russischen Präsidenten Wladimir Putin am 22.02.2022 „wahnsinnig“.

Viele historische Betrachtungen der „Mission Putin“ sind dargelegt worden, um seinen Wunsch nach einem neuen „alten“ Russland zu verstehen. Ebenso wichtig ist eine psychologische Bewertung der Person Putin.  Was ist das Weltbild Putins, seine Kognition, wie gefährlich ist er, was kann ihn stoppen ?

Die Kennzeichen gefährlicher Menschen  

Drei Faktoren machen Menschen zu gefährlichen Menschen. Dabei spielt, bei einer psychologischen Analyse gefährlicher Menschen, weniger das Motiv von Menschen eine Rolle, als ihr Verhalten. Die Motive können z.B. religiös sein (islamischer Staat) oder politischer Natur sein (Hitler).

Die hier aufgestellte Hypothese lautet: Alle gefährlichen Menschen entwickeln kognitiv ähnliche Denk- und Verhaltensmuster. Sie sind umso gefährlicher, je mehr sie drei Erkennungsmerkmale/Faktoren  entwickeln. Sie fühlen sich (1) sehr stark gekränkt, sie empfinden (2) eine starke Antipathie gegenüber ihren „Gegnern“ und sie leben (3) in einem Umfeld, wo Gewalt erlaubt ist (Permissivität von Gewalt).

Treffen diese drei Faktoren aufeinander, ist eine Gefahr vorhanden. Der Autor hat im Auftrag vieler Institutionen ( Justiz, Energieunternehmen, etc.) die Lage von Mitarbeiter/innen untersucht, Gefahrenlagen analysiert und nach passenden Antworten gesucht.

(1) Die Kränkung      

Die Kränkung ist eine mögliche Reaktion auf Ereignisse (Kritik, Zurückweisung, Ablehnung, Ausschluss) durch die wir uns seelisch verletzt fühlen. Wichtig ist, der Andere empfindet/erlebt das Signal als Entwertung.  Hier spielt das Selbstbild des Menschen eine große Rolle. Oft  spüren Menschen die Kränkung auch körperlich. Sie verspüren z.B. einen Kloß im Hals, einen Stich im Magen, oder können keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wladimir Putin spürt neben der persönlichen Kränkung auch eine politische Kränkung.

Die Kränkung in der Kindheit und Jugend Putins 

Gesund und entspannt ist die Grundeinstellung eines Menschen: ich bin ok- du bist ok. Die Kindheits-Erfahrung, unbedingt geliebt zu sein und eine körperlich erfahrene Annahme (Zärtlichkeit) führen Menschen zu dieser Einstellung. Die Erfahrung, nicht geliebt zu sein, nicht akzeptiert zu sein, ist eine Kränkung.

Die Familiengeschichte Putins sei ein Trauma, stellt Kerstin Holm 2015 fest. Putin erklärte, sein Vater habe fünf seiner sechs Brüder im zweiten Weltkrieg verloren. Sein Vater sei durch Schrapnellverletzungen zum Invaliden geworden. Sein erster Sohn, Wladimir Putins älterer Bruder, sei während der Leningrader Blockade gestorben. Die Mutter des Präsidenten wäre um ein Haar verhungert.

Putins Leben ist eine Serie von Kränkungen. Er versucht, die Kränkung des schwächlichen, kleinen Jungen/Jugendlichen aus einem gefühlskalten Elternhaus durch Frechheit und Gewaltbereitschaft zu kompensieren. Die Biographen sind uneinig: wurde Putin gar als Kind aus seiner Ursprungs-Familie herausgerissen oder war nur der Vater emotionsarm?  Das soziale Umfeld war hart. Die Jugendorganisation der kommunistischen Partei zögert lange mit seiner Aufnahme. Der kleine Wladimir war zu problematisch. Er sei ein Rowdy gewesen, sagt Putin selbst.

Putins Umgang mit Kränkung: Überkompensation durch Macht im KGB

Überkompensieren bedeutet, körperliche oder psychische Mängel versuchen auszugleichen und dabei ins Gegenteil zu verfallen. Beispiel: Jemand überkompensierte seine innere Schüchternheit durch anmaßendes Auftreten. Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, überkompensiert Putin durch Macht, Karriere und Kontrolle. Er verbreitet Angst. Er ersetzt Liebe/Annahme durch Macht. Putin entwickelt das „gefrorene Herz“ (frozen heart syndrom). Er lässt Menschen nicht mehr wirklich an sich heran. Er beherrscht Menschen als Bandenchef, Boxer und Judokämpfer. „Kaltblütig“, nennt ihn der Photograph Palton, der Putin aus eigener Erfahrung kennt. Er habe ein „kühles Charisma“, sagt der Körpersprachler Benedikt Held 2018 über Putin.

Putin- der autoritäre Charakter

Putin hat gelernt, durch Leistung die Anerkennung zu erlangen, die ihm emotional verwehrt blieb. Putin verhält sich dabei sozial sehr intelligent. In früher Jugend erfindet Putin sich neu. Mit 15 Jahren will er bereits zum KGB. Dafür unterwirft er sich dem System UdSSR. Er studiert Rechtswissenschaften weil ihm ein KGB-Mitarbeiter dazu rät, ebenso lernt er auf dessen Rat hin Deutsch. Er heiratet eine Deutschlehrerin. Seine Chance ist eine Aufsteiger-Karriere in der Armee, im Geheimdienst. Sein Versuch, sich selbst neu zu gestalten, gelingt. Er schafft es in der Roten Armee bis zum Oberstleutnant. Er sei unauffällig gewesen, berichten. Zeitgenossen und stets bemüht, die Erwartungen seiner Vorgesetzten zu erfüllen. Putin erwartet von seiner Umgebung Unterordnung. Seine Mitarbeiter nennen den Präsidenten Putin „Boss“ oder „den Zaren“.

Menschliche Nähe aber lässt er nicht zu. Seinen Charme setzt er geschickt ein, aber immer für die Sache, die geforderte Leistung. Nähe als Selbstwert, Fehlanzeige. Er kompensiert menschliche Annahme durch übersteigerte Leistung. Die erbringt er kulturspezifisch und sozial äußerst intelligent und hingebungsvoll als KBG-Offizier in der DDR. Noch in den Tagen des Untergangs der DDR versucht er einen Spionagering aufzubauen, der im späteren Gesamtdeutschland tätig werden soll.

Die politische Kränkung-Die Machtwegnahme durch den Untergang der UdSSR 

Dann die nächste Kränkung, die neue Identität wird zerstört. Die Auflösung der UdSSR, den Rückzug der Roten Armee aus Deutschland erlebt Putin hautnah, nimmt sie als persönliche Niederlage wahr. Er habe damals sein Parteibuch in die Schublade gelegt und nie wieder hervorgeholt, berichtet er. Nach seiner Zeit als Oberstleutnant in der Roten Armee, folgt eine Zeit der Arbeitslosigkeit, er sieht sich in Angstvorstellungen bereits als Taxifahrer in Petersburg. Sein Ausweg: Leistung und Anpassung.

Und wiederum gelingt Putin der Aufstieg. Er erfindet sich neu als Demokrat, wird Assistent des Bürgermeisters von Leningrad. Die Jelzin-Clique macht ihn in einem Deal (Karriere gegen Straffreiheit) zu ihrem Mann. Er schafft es bis an die Spitze des neuen russischen Staates. Vier Mal wird er zum russischen Präsidenten gewählt. Er kann bis zum Jahre 2036 weiterregieren, wenn das Volk ihn wählt. Er ist heute 69 Jahre alt.

Die politische Kränkung durch die NATO und Europäische Union (EU)  

Als Politiker fühlt sich Putin gleich mehrfach gekränkt: (1) durch die Selbstauflösung der UdSSR, (2) durch die Ausweitung der Europäischen Union und der NATO bis an die Grenzen Russlands. Diese Kränkung hat er politisch zu einer Staatskränkung erhoben.

Putin sieht sich als „europäischer Politiker“, der auf sein Ansehen im Ausland bedacht ist. (Wladimir Kaminer 2014). Die europäische Welt, allen voran die niederländische Presse, titelt nach dem Abschuss einer Passagiermaschine mit vielen niederländischen Bürgern an Bord im Juli 2014: „Putin mordet unsere Kinder“. Putin ist gekränkt und er zeigt es. Es folgen weitere Kränkungen. Der Westen nennt ihn nur noch im Spott einen „lupenreinen Demokraten“. Die von ihm herbeigeführten Urteile gegen Oppositionelle (Pussy Riot, Nawalny), die jahrelange Inhaftierung des Oligarchen Michail Chodorkowski, die vermutete Ermordung des Oligarchen Boris Beresowski im Jahre 2013 in London, Giftmorde in England (2018) und ein Auftragsmord im Tiergarten in Berlin (2019) lassen ihn als Menschen mit hoher krimineller Energie dastehen. Eine schallende Ohrfeige für das Selbst- und Wunschbild Putins.

Kränkung und Gesundheit 

Putin reagiert auf diese Kränkungen mit einer verstärkten Kränkbarkeit und einer Somatisierung. Die Krankenakte Putins ist so geheim wie umfangreich. Aus internen Kreml-Kreisen ist von starken körperlichen Beschwerden zu hören. Putin-Doubles seien im Einsatz, um ihn nach außen hin vital erscheinen zu lassen. Und tatsächlich sind seine echten Auftritte von starken Muskelanspannungen gekennzeichnet, Ischias-Leiden und Schulterschmerzen sind sichtbar.

Kränkungen haben Konsequenzen. Kränkung bedeutet für die betroffene Person Stress. Betroffene reagieren darauf entweder mit Schlafstörungen, Depressionen, erhöhtem Alkoholkonsum oder Wut, Zorn, Aggression. Empörung und Wut sind Putin anzusehen, wenn er 2022 mit Gegenmaßnahmen droht, falls sich ein Dritter seinem Feldzug gegen die Ukraine entgegenstellt.

Putin macht die aggressiv zur Schau gestellte Männlichkeit, die Kompromisslosigkeit, die Härte zu seinem Markenzeichen. Sein Slogan: Freunde sollen ihn lieben, Feinde fürchten. Er verbringt viel Zeit mit „echten“ Freunden, die aber immer „nützlich“ sind. Die Familie hat er aufgegeben, seine besten Freunde sind seine Hunde. Er hat sich zurückgezogen in eine bewachte Welt außerhalb Moskaus, verachtet Menschen, sein Umfeld nennt ihn den Boss, seine Mitarbeiter nennen ihn den Zaren.

Die Überkompensation ist perfekt. Jetzt bestimmt Putin, wer ok ist. Die Kränkung mit der Botschaft: „Du bist nicht ok“, sitzt aber tief. Er lebt nunmehr allein. Er dominiert die Gesellschaft, den Staat mit den Mitteln der Macht, des Geheimdienstes. Die Menschen, ihre Gedanken beherrscht er mit einer gelenkten Presse, mit Einschüchterung und Mord. 31 Journalisten/innen wurden in der Zeit seiner Herrschaft ab dem Jahre 2000 bis 2014 ermordet. Das bekannteste Opfer ist Anna Politkowskaja. Sie wurde am 7. Oktober 2006, am Geburtstag Putins, vor ihrer Wohnung in Moskau durch mehrere Schüsse getötet.

(2) Die Antipathie

Putin und die Antipathie gegenüber dem Westen  

All das macht Putin zu einer tragischen Figur, gefährlich aber wird er, weil er auch die weiteren Bedingungen des „gefährlichen Menschen“ erfüllt. Eine Kränkung, zum Beispiel die Zurückweisung in der Liebe, kann jemanden verärgern, ihn wütend oder zornig machen. Aus Mitfühlen (Sympathie) wird Antipathie, die emotionale Ablehnung. Die Kurzformel: Frustration (vergebliches Handeln) wird zur Aggression.

Putin hat stark um die Liebe des Westens geworben. Was ihm in Russland gelang, Jelzin und die Eliten zu umwerben und für sich zu gewinnen, zu gefallen, schlägt hier fehl. Sein jahrelanges Werben um Akzeptanz, seine Auftritte auf internationalen Foren (Deutscher Bundestag, Wirtschafts- und Militär-Foren in der Schweiz, etc.) haben ihm nicht die gewünschte Anerkennung als Staatsmann und den gewünschten Respekt gebracht, seine Leistung ist vergeblich. In den Jahren seiner Macht verliert Russland Verbündete, die NATO rückt näher heran. Der westliche Lebensstil dominiert im ehemaligen Sowjetreich. Putin sieht Russland als Verlierer an im globalen Kampf um Einflussgebiete (global politics). Seine Frustration darüber schlägt um in Aggression.

Und Putin lehnt den Westen intellektuell ab, weil der Westen vollkommen andere Ideale und Weltbilder hat (starke kognitive Dissonanz). Liberalismus und Meinungsfreiheit, Toleranz gegenüber anderen Formen des Lebens und der Sexualität, gelten ihm als Schwäche. Putin macht keinen Hehl aus dieser Antipathie. Mit aller Härte geht er gegen Vertreter dieser Lebens- und Denkart vor (Pussy Riot, freie Internetforen z.B.)

Permissivität von Gewalt: Warum Putin Gewalt für gerechtfertigt hält. 

Doch auch das macht ihn für uns noch nicht gefährlich. Erst wenn für jemanden die Gewalt zu einem für ihn legitimen Mittel der Kommunikation wird, er sich diese erlaubt (Permissivität), dann wird es gefährlich. Die Frage ist, in welchem Umfeld ein Mensch leben muss, damit er sich legitimiert fühlt, zur Durchsetzung seiner Interessen einem anderen gegenüber Gewalt anzuwenden. Es gibt soziale Umfelder, welche eine Permissivität von Gewalt stark begünstigen.

„Die politische Macht kommt aus dem Lauf eines Gewehres“, formuliert Mao in der Nachkriegswelt und wurde damit vom „Spinner“ und „Träumer“ zur politischen Realität in China. Mao erlebte den Bürgerkrieg in China und führte das Land mit eiserner Hand zur Weltmacht, durch Gewalt. Gewalt für die richtige Sache, gilt im Kommunismus als legitim.

Auch in vielen sozialen Brennpunkten in Deutschland, in Rockerklubs, gehört die Fähigkeit und Bereitschaft Gewalt anzuwenden, zu den geforderten „Schlüsselkompetenzen“.

Putin ist groß geworden in der sowjetischen Gesellschaft. Der KGB hatte die „Lizenz zum Töten“. Putin war jahrelang KGB Offizier. Ihm werden Morde zugerechnet, Gewalt gehört zu seinem Alltag. Gewalt ist auch in der heutigen russischen Gesellschaft, ihren Institutionen (Arme, Miliz, Strafvollzug) Alltagserfahrung. Gewalt auszuhalten und weiterzugeben gehört zum „Männlichkeits-Ideal“.

Ehre gilt in Russland als hoher Wert und rechtfertigt Gewalt. Nationale Ehre bedeutet in Russland, Russland zu verteidigen, Russen zu helfen (auf der Krim, in der Ostukraine, etc.) Aber: letzte Umfragen in Russland sprechen von abnehmender Zustimmung zur Aggressionspolitik Putins gegenüber der Ukraine. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja nennt Putin im August 2014 bereits einen machtbesessenen Wahnsinnigen.

Gewalt ist für Putin als Kind eine Grunderfahrung, Er war schon als Jugendlicher Chef einer Gang. Als Jugendlicher und Erwachsener hat er gelernt, Gewalt gezielt auszuüben (Putin hat einen hohen Judo-Grad, ist vielfacher Kampfsportler). Beim KGB hat er gelernt, Gewalt psychologisch noch geschickter einzusetzen. Eine hohe Permissivität von Gewalt ist bei Putin gegeben. Putin lebt in einer Kultur von Gewalt. Er hat politische und militärische Gewalt angewendet in Georgien (2008), Syrien (seit 2015) und in der Ukraine (ab 2014).

Fazit:

Putin erfüllt die drei Bedingungen eines gefährlichen Menschen: Er ist gekränkt, er empfindet eine große Antipathie gegenüber seinen Gegnern und Gewaltanwendung erscheint ihm legitim. Putin ist gefährlich.

Wer oder was kann ihn stoppen, lautet die berechtigte Frage heute. In der Psychotherapie ist Therapiewilligkeit  die Voraussetzung für Therapie und daraus resultierenden Verhaltensänderungen. Ein Unrechtsbewusstsein oder die Einsicht in notwendige Verhaltensänderungen ist bei Putin nicht feststellbar.